Ausstellung von Rea Siegel Ketros: "Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle" (Ps 65): Begrüßung

Januar 19,1

Liebe Kunstfreunde, liebe Frau Siegel Ketros:

Ich war gespannt auf Ihre Kunst: „Wortklangbilder“ – was wird das sein? Ich habe mir die Spannung bewusst gegönnt, nicht schon vorher per Internet zu "spicken", sondern darauf zu achten, was Ihre Wortklangbilder in mir anklingen, was sie mich sehen und hören lassen. Aus den Binnenflächen der Buchstaben kann ich bewusst und kognitiv nur mit Mühe Worte bilden, die Sinn ergeben. Deutlicher kommt etwas aus den Verbindungen der Formen und Farben bei mir an. Sie wirken einerseits wie Klangflächen wirken, auch wenn sie keine Töne von sich geben.

Mich fasziniert immer wieder, wenn jemand spricht und mir etwas Besonderes an der Art des Sprechens auffällt, was geschieht, wenn ich ganz gezielt nicht auf den Inhalt achte, sondern auf den Klang. Wie wirken Wortklänge und das Gesicht mit dem sprechenden Mund, die Sprache des Körpers und die Klangfarben, die Mischung aus klingenden Vokalen und akzentuierenden Konsonanten? Es kommt durch aus vor, dass mir auffällt – wenn ich auf die Worte achte und den Eindruck des Klangbildes -, dass das auseinanderfällt. Mich irritiert so etwas sehr, wenn die Stimme und das Klangbild ganz anders wirken als die Worte, die ich höre. Ich bin froh, wenn jemand spricht und das zusammenpasst, Worte und Klangbilder.Wir sind die Ursache
Groß betrachtet ... (Christian Morgenstern)Ihre Bilder fokussieren Worte bzw. Titel. Sie lassen zugleich mir als Betrachter Freiheit, schaffen Räume, in die meine Augen eintreten können oder die energiegeladen, wie ein Signal, meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.  Bei manchem Ihrer Farbfelder habe ich mich gefragt: Wie würde das klingen? Alexander Skrijabin hat einzelnen Tönen Farben zugeordnet und wenn man das auf die Klavier-Tastatur überträgt, sieht das so aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Scriabin_keyboard.svg. Wassily Kandinsky hat Analogien zwischen Farben und Klängen beschrieben. Die Nähen zwischen den Farben Ihrer Kunst und den Farbtönen bei Kandinsky sind erstaunlich. Schwarz ist bei ihm „wie eine vollständig abschließende Pause, nach welcher eine Fortsetzung kommt wie der Beginn einer anderen Welt, da das durch diese Pause Abgeschlossene für alle Zeiten beendigt/beerdigt, ausgebildet ist“.
Nähme ich Flügel der Morgenröte

Das Schwarz begegnet vor allem bei Ihren Psalm-Bildern. Gleich hier draußen „Nähme ich Flügel“ – der Psalmtext läuft nach den Worten „am Ende bin ich noch immer“ aus mit drei Punkten. Auch bei zwei Bildern hier oben zu Gedichten des Zen-Dichters Ryokan wählen Sie schwarz: „unaufhörlich“ und „Ich verstehe andere nicht“. Nach Kandinsky ist grau „klanglos“, helles gelb wie eine scharfe Trompete, goldgelb wir eine mittlere Kirchenglocke, die zum Angelus ruft; beim Blau ordnet er das Helle der Flöte zu, das dunkle dem Cello und das feierlich tiefe Blau dem der tiefen Orgel; das Rot je nach Ton an Fanfaren oder Tuba, Trommelschläge oder leidenschaftlich-tragende Klänge des Cellos, helle Rot-Tönen verbindet Kandinsky mit klaren, hellen Geigentönen.

Wenn du einem Unglück begegnestSie verknüpfen Worte aus Psalmen, von Christian Morgenstern mit Einsichten und Gedichten östlicher Mystiker und Dichter. Ich verstehe Ihre Wortklangbilder so, dass wir Betrachtende Ihre Werke auf uns wirken lassen können: Nicht nur aus Buchstaben Worte formen und den je eigenen Sinn entdecken, sondern vor allem erfassen, worum es geht. Das biblische Buch Kohelet sagt einmal „Alles hat seine Zeit“. Ryokan fasst das so: „Wenn du einem Unglück begegnest, ist es gut, dem Unglück zu begegnen. (Wenn du stirbst, ist es gut zu sterben.)
Am anderen Ende des Spektrums stehen die Psalmverse aus Psalm 65, die Sie auch als Titel für diese Ausstellung gewählt haben: „Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. Denn also bauest du das Land. Du tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes. Mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs“.  Ich wünsche allen, die Ihre Werke betrachten, anregende Impulse und danke Ihnen von Herzen!Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.
Pfarrer Albrecht Fischer-Braun, Theologischer Leiter 

 

 

 

Einführungsrede von Dr. Martina Kitzing-Bretz: Rea Siegel-Ketros, Wortklangbilder. Farbworte – Farbfelder

Vom Klang der Worte künden die Bilder von Rea Siegel-Ketros, in denen die Malerin die klanglichen Möglichkeiten von gemalten Textelementen auslotet. Obwohl die Wortmalerei aus zeichenartig geformten Buchstaben besteht und in geometrischen Farbfeldern steht, klingt sie. Sie entwickelt eine Klangwirkung trotz der hartkantig gezogenen Linien, auf denen sich die Worte aneinander reihen.

Ihre Wortklangbilder, wie die Künstlerin sie nennt, erscheinen rein formal gesehen als abstrakte, geometrische Bildkompositionen. Sie sind mit der Strenge des Geometrischen verbunden und stellen dennoch klangliche Kompositionen dar.

Wie kommt es zu einem Klang der Worte in den Bildern von Rea Siegel-Ketros?

Freilich, bereits beim Aussprechen der Buchstaben oder Textelemente gibt es klangliche Möglichkeiten zu entdecken. Doch die Wortklangbilder beziehen sich weniger auf die Welt des Sprachlichen, sondern vielmehr auf den Kosmos des Bildhaften: Sie bestehen aus gemalten Texten, die sich aus unterschiedlichen Formen und Farben zusammensetzen.

Die farbigen Buchstabenformen werden in einem Bildraum platziert und streben eine Wechselwirkung im Bild an. Sie klingen zusammen als formale Farbgegensätze aus benachbarten kühlen und warmen Farben. In dem Bild „Dein Weg beginnt drüben, werde der Himmel“, in dem Rea Siegel-Ketros die Worte eines Gedichts des persischen Mystikers Rumi malte, gehen Gelb und Violett ein gegensätzliches Verhältnis aus Wärme und Kälte ein. Zugleich ergänzt sich das Farbenpaar aus Komplementärfarben, deren Kontrast von einem harmonischen Klang begleitet wird.

Die gemalten Buchstaben und ihre Zwischenräume sorgen in den Wortklangbildern für einen rhythmischen Aufbau des Bildes aus einzelnen Farbflächen. Farben und Formen von Lettern und Flächen wiederholen sich in Abständen und gliedern die Bildfläche rhythmisch. Als Symbolformen treten die Buchstabenformen aus ihrem farbigen Umfeld heraus, lösen sich vom benachbarten Zwischenraum, der sie wie eine Negativform umgibt.

Wie einzelne klangliche Akzente können die Farben von Bildelementen in den Verbildlichungen der Texte aufleuchten. Beispielsweise in dem Bild von Psalm 65, in dem Rea Siegel-Ketros biblische Psalmfragmente wie „Du machst fröhlich, was da webet, gegen Morgen und gegen Abend“ oder „Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle“ malte.

Überwiegend in Grautönen gemalt, treten in dem Wort-Bild auf der textlichen Grundlage des Psalms einzelne Buchstabenformen und Farbflächen in Blautönen optisch hervor. Dabei leuchten die hell- und dunkelblauen Symbolformen und Flächen im Bildfeld entweder vereinzelt auf, oder sie sind in regelrechten Buchstabenhaufen angeordnet. Die funkelnden Formen lösen sich in der Komposition auf und verdichten sich.

Indem das Text-Bild mit den Worten des Psalms aus Bildpartien in einer dunklen Farbigkeit in Grau und Schwarz besteht und stellenweise eine hellere Farbstruktur in Hellblau aufweist, scheint es sich zu öffnen. Die offene Bildmitte führt den Blick des Betrachters in den Tiefenraum des Bildes. Der Tiefenraum ist in den Farbtönen eines transzendentalen Blaus gestaltet und vermittelt die Weite von Unendlichkeit.

Die Künstlerin selbst schrieb 2007 anlässlich der Ausstellung „Tagebuch“ in der ehemaligen Galerie U21 des Heilbronner Künstlerbunds zu ihrer Kunst: „Seit einigen Jahren schaffe ich Bilder, deren Ursache ein Satz, eine Gedichtzeile, ein Zitat ist. Nun sind die Worte selbst Grundlage und Tiefendimension des Bildes geworden.“

Neben biblischen Psalmfragmenten regen sie Gedichtzeilen des indischen Dichters Kabir und Gedichte des japanischen Zen-Meisters Ryokan an, Texte ins Bild zu übersetzen und einen künstlerischen Prozess einzuleiten, an dessen Ende Farbräume stehen. Die expressive Farbigkeit ist Träger ihrer Emotion und das Persönlichste an ihren Bildern, die selten eine Geste, selten eine Spur des persönlichen Schaffensprozesses zeigen.

Nur die Reihe von Linoldrucken, die Rea Siegel-Ketros im Jahr 2004 geschaffen hat und in denen sie Ryokans gedichtete Weisheiten wie „Gleich einer ziehenden Wolke gebe ich mich in die Launen des Windes, lasse los“ malend aufschrieb, verweisen auf den Prozess des Arbeitens: Durch die Technik des Linolschnittdrucks und der damit verbundenen Struktur des Druckstocks aus Linol ergab sich ein Farbauftrag in den Bildern, der für den Betrachter in seiner Entstehung ablesbar stehen blieb.

Die Bilderreihe weist ein quadratisches Bildformat auf, womit die geometrische Felderung der Kompositionen an das Muster eines Schachbretts gemahnt. Wie Spielfiguren eines Schachspiels stehen die Buchstaben in den einzelnen Farbfeldern der Bilder, in dem sie die Worte Ryokans niederschrieb.

Die Farbkontraste tragen zu dem Eindruck eines Schachspiels bei: In „Was ist mein Leben? Ich wandere herum, manchmal Lachen, manchmal Tränen“ treffen in dem Bildfeld Gelbgrün und Rotviolett simultan und kontrastreich aufeinander. Wie im Spiel des Lebens, das Ryokan beschreibt, agieren die Spielfiguren der Buchstaben und sorgen für einen Lebensrhythmus, den die Farbe im Wechsel beschreibt.

Den Bildern mit Gedichten des persischen Mystikers und Dichters des Mittelalters Rumi wie „Dein Weg beginnt drüben, werde der Himmel“ in poetischen Worten und einer glühenden Farbenpracht aus Gelb, Rotorange und Pink stehen Wortklangbilder gegenüber, in denen die Künstlerin die Worte von Meister Eckehart in gemalte Lettern übertrug. Der abendländische Mystiker, mittelalterliche Theologe und Philosoph, der in Köln wirkte, formulierte nicht blumig, sondern nüchtern und klar seine Lehre, die um Gott und den Menschen kreist. „Wir selbst sind Ursache aller unserer Hindernisse“ lautet die Erkenntnis Eckeharts, die Rea Siegel-Ketros verbildlichte.

Die strengen Worte des Mystikers sind in überwiegend dunklen Farbtönen aus Grau und Schwarz verbildlicht. Mit ihnen übersetzt die Malerin auch das melancholische Lebensgefühl des Abendlands im Mittelalter, das der italienische Geschichtswissenschaftler Vito Fumagalli 1987 unter dem Titel „Quando il cielo s‘ oscura. Modi di vita nel Medioevo“ (Wenn der Himmel sich verdunkelt) beschrieb, in eine Farbpalette. Abgemildert und aufgelockert wird die Farbatmosphäre durch einen hellen Rosé-Ton, der im Bild wie die Hoffnung des Meisters Eckehart auf die Selbsterkenntnis des Menschen und die Überwindung der menschlichen Schwächen erscheint.

Die Themen Orient und Okzident, Abend- und Morgenland sind in ihrer Gegensätzlichkeit und Gemeinsamkeit des Spirituellen im Schaffen von Rea Siegel-Ketros zu einem Werk vereint. Psalmenverse des Christentums einerseits und Verszeilen des Zen-Buddhismus aus der Feder von Zen-Meistern wie Kabir und Ryôkan andererseits inspirieren sie zu den Wortklangbildern.

Poesie und Malerei, Bild und Schrift, Literatur und Bildende Kunst gehen in der Malerei von Rea Siegel Ketros eine enge Verbindung ein. Autoren wie Rilke, Hölderlin und Christian Morgenstern, aber auch der indische Dichter Kabir und seine Verse sind Quellen der Poesie, die Rea Siegel Ketros ins Visuelle umsetzt.

Ihr Leben stand im Zeichen der Kunst, und doch hat sich der künstlerische Werdegang von Rea Siegel Ketrosin wachsenden Ringen entwickelt. Die 1944 in Neuenbürg im Kreis Calw geborene Künstlerin hat schon als Kind, so erzählt sie, in Karminrot und Zitronengelb gemalt. Doch erst im Anschluss an eine Lehre als Erzieherin kann sie sich in Stuttgart in Kunst und Werken für das Lehramt ausbilden lassen.

Die Tätigkeit der Kunsterziehung an Öffentlichen Schulen vorrangig in Reutlingen wurde unterbrochen durch Heirat (mit dem Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde Dr. Reinhard Siegel) und Familiengründung. Nach einem familienbedingten Aufenthalt in Ronco sopra Ascona unweit von Locarno im Tessin siedelte sie mit der Familie nach Lauffen am Neckar über. Dort gründete sie die Kinder-Werkstatt und die Kunst-Werkstatt für Erwachsene, und dort arbeitet sie bis heute als freischaffende Künstlerin.

Prägend für den Werdegang von Rea Siegel Ketroswaren weiterbildende Kurse auf dem Gebiet der Malerei an der Salzburger Sommerakademie bei Professor Stephan von Huene, der mit seinen Klangskulpturen bekannt wurde. In den Skulpturen verband der Künstler und Philosoph visuelle und akustische, plastische und mechanische Elemente zu intermedialen Kunstwerken. Mit seiner Kunst, die Bilder, Töne und Bewegung synästhetisch zusammen führten, regte er die Künstlerin zu klingenden Bildern und zusätzlichen Dimensionen der Wahrnehmung von Malerei wie dem Hören an.

In vielen Einzel- und Gruppenausstellungen, durch ihre Mitgliedschaften beispielsweise im Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Württemberg und im Künstlerbund Heilbronn und durch Werke im öffentlichen Besitz beispielsweise des Landratsamts und der Städtischen Museen Heilbronn hat Rea Siegel Ketros ihre Kunst einem Kunstpublikum in der Region und darüber hinaus bekannt gemacht.

Rea Siegel-Ketros hat ihre Reihe der Wortbilder beendet, möchte jetzt nach ihren Worten „nichts mehr erzählen“ und malt nun Bildkompositionen wie „August 18,7“, deren Farbfelder eine Landschaft und die darüber liegende Hitze ins Abstrakte übersetzen. Breite, exakt begrenzte Farbstreifen von vibrierender Leuchtkraft vorwiegend in Rottönen sind in den Bildern aneinandergereiht. Für die differenzierte Farbigkeit der abstrakten Farbfeldbilder mischt sie Acrylfarben und Tageslichtfarben, die fluoreszierend wirken. Die aufleuchtende Wirkung der Farben bleibt im Auge des Betrachters haften und wirkt dort lange nach.

Dr. Martina Kitzing-Bretz, Kunsthistorikerin

 

 

 

 

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